Hartmut Rosa

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Vortrag

Warum wir auf Berge klettern und ins Museum gehen: Kunst und Natur als Resonanzsphären der Moderne.

Moderne Menschen sind in ihrem Alltag ganz überwiegend mit Dingen beschäftigt, die sich in irgendeiner Form als 'nützlich' verstehen lassen, die also einen bestimmten Zweck haben: Wir arbeiten, um Geld zu verdienen, wir gehen ins Fitnessstudio, um schlank zu werden, wir bilden uns, um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben usw. Dabei gibt es zwei 'Grundmotive' die unser Handeln antreiben: Erstens sehnen wir uns nach sozialer Anerkennung: Wir wollen geliebt, geschätzt und geachtet sein, was beispielsweise erklärt, wieso wir gut aussehen, schlank sein, einen tollen Job und viele Freunde haben wollen usw. Zweitens streben wir nach physischem Wohlbefinden - deshalb leisten wir uns gerne leckeres Essen oder einen Wellnessaufenthalt. Aber wieso steigen wir auf Berge oder gehen ins Museum? Was suchen wir im Konzertsaal? Der Vortrag will darlegen, dass es neben der Suche nach Anerkennung und Wohlbefinden noch etwas Anderes gibt: Die Sehnsucht nach 'Resonanz', das heißt nach einer Erfahrung, die uns wirklich berührt, die uns bewegt oder ergreift und uns etwas 'bedeutet'. Menschen sehnen sich danach, mit etwas in Kontakt zu kommen, was sie 'etwas angeht', was 'zu ihnen spricht'. Für uns heutige Menschen bilden 'die Natur' und die Kultur bzw. die Kunst zwei essentielle 'Resonanzsphären': Auf dem Gipfel eines Berges oder am Meeresstrand, aber auch im Museum oder im Konzertsaal fühlen wir uns 'existentiell berührt' und auf eine Art und Weise 'angesprochen', die sich nicht auf Anerkennung oder Wohlbefinden reduzieren lässt. Der Vortrag geht dabei auch der Frage nach, unter welchen Bedingungen uns solche 'Resonanzerfahrungen' wirklich gelingen - und was die Gründe dafür sind, wenn die Bergwanderung einfach als Qual und der Museumsbesuch als todlangweilig erfahren werden.


Zur Person

Hartmut Rosa: Ist seit 2005 Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und seit 2013 zugleich Direktor des Max-Weber-Kollegs an der Universität Erfurt. Zu den wichtigsten Veröffentlichungen zählen: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (Berlin: Suhrkamp 2016); Beschleunigung. Die Veränderungen der Zeitstrukturen in der Moderne (Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005)